We are sailing
Das nächste Abenteuer wartet in Phuket auf uns: Wir haben von hier aus einen einwöchigen Segeltörn gebucht. Ich habe tatsächlich einen deutschen Anbieter gefunden, bei dem es zum einen wirklich um Mitsegeln geht und zum anderen sehr viel günstiger ist als bei anderen Anbietern. Also machen wir uns auf den Weg zur „Haven Yacht Marina“, um dort auf Reiner zu treffen. Reiner ist der Skipper für unseren Törn, 65 Jahre alt, und das Segelboot – die „Sunrise“ – gehört ihm. Nicht das neueste Luxusschiff, aber solide, und gut für bis zu 8 Personen geeignet. Reiner fährt in der Saison – von Oktober bis Februar – jede Woche einen neuen Törn mit neuen Leuten. Den Rest der Zeit verbringt er in seiner Heimat – dem Saarland – oder mit seinen Kindern und Enkeln in Boston. Er ist so, wie man sich einen echten Seebären vorstellt: Eine raue, direkte Art, trotzdem empathisch und unterhaltsam. Er drängt sich bei keinem auf, und wenn man zu viele Fragen stellt – so wie ich es gerne tue – dann weist er einen auch schonmal etwas harscher zurück.
Reiner, der Seebär
Er ist der Meinung, dass wir Dinge nur lernen, indem wir sie tun. Grundsätzlilch gebe ich ihm da ja auch Recht. Aber wenn ich etwas tue, dnan muss ich auch verstehen, WOZU ich es tue. Und deshalb frage ich ziemlich viel. Zum Beispiel, welche Leine für welches Segel zuständig ist. Warum erst das Großsegel raus muss und dann das Vorsegel. Welchen Knoten man für welchen Zweck einsetzt. Leider bin ich in technischen und räumnlichen Dingen nicht so versiert und fühle mich dann immer ein wenig im Hintertreffen. Aber ich versuche, dran zu bleiben, mitzuhalten und meinen vor über 10 Jahren absolvierten Sportbootführerschein See so gut es geht wieder aufzufrischen. Was am Ende gut gelingt.
Mit von der Partie ist noch ein junges Pärchen aus Regensburg – sie sind auch auf einer Art „Weltreise“ in Asien unterwegs – und eine Schweizerin. Eigentlich hieß es vorher, dass der Skipper keine Kinder mitnehmen würde, aber Reiner hat dann wohl Mitleid bekommen und eine Ausnahme für uns gemacht. Oder er hatte einfach noch zu wenig Mitsegler. Am Ende ist er vermutlich sogar froh, dass Joshua dabei ist. Es stellt sich nämlich heraus, dass er auch noch in dem Sinne „vom alten Schlag“ ist, dass er grundsätzlich Jungs bzw. Männern eher zutraut, mit Technik umzugehen als Frauen. So sind tatsächlich Julian – der Mann von dem jungen Pärchen – und Joshua meist die ersten, die gefragt werden, wenn es um Segelangelegenheiten geht – zum Beispiel Knoten, Navigation oder das Steuerrad in die Hand nehmen. Joshua meistert es bravourös und steuert uns auch durch wildere Winde, wofür der Skipper ihm großes Lob zollt. Ich freue mich mit Joshua und scherze am Ende des Törns mit Reiner: „Wenn deine Freunde dich fragen, wie es mit dem Kind geklappt hat, dann wirst du vermutlich sagen, ‚mit dem Kind war super, aber die Mama – ohoh, die war kompliziert.“
Achtung, Coaching-Falle!
Auch mit der Antwort auf die Frage nach meinem Beruf stoße ich nicht auf Begeisterung. Als ich sage, „Life Coach“ und „Yogalehrerin“, da geht direkt das volle Klischeeprogramm mit dem Skipper durch. Das sei ja eine ganz schreckliche Szene, in der nur Schaumschläger und Dummschätzer unterwegs seien und keiner von dem eine Ahnung habe, was er da tue. Was solll man darauf antworten? Er hat wohl mal Segeltörns für die Deutsche Vermögensberatung gemacht und schert nun alle über einen Kamm. Und letztendlich stimme ich ihm ja sogar zu, dass es leider viele „schwarze Schafe“ am Markt gibt, die so drauf sind. Aber ich selbst zähle mich nicht zu denen, da ich anders arbeite und mich für absolut seriös halte und dies auch von meinen Teilnehmer:innen bestätigt bekomme. Manchmal fast zu meinem Leidwesen. Denn ich würde ich niemals etwas anbieten, von dem ich nicht selbst völlig überzeugt bin, und erst recht nicht für einen astronomischen Preis, wie es so oft geschieht in der Szene. Ich diskutiere das nicht weiter mit Reiner, denn ich merke schnell, dass er zu der Sorte Mensch gehört, mit der man nicht diskutieren kann. Auch findet er es ganz schrecklich, wenn auf einem Törn Menschen dabei sind, die jedem ihr Herz ausschütten, weil sie gerade in einer Lebenskrise sind oder ihr Leben nicht auf die Reihe kriegen, oder sich nicht in das „normale Leben“ einpassen können. Wobei es ja nun auch nicht gerade „normal“ ist, jedes Jahr monatelang auf einem Segelboot in Thailand zu leben und ständig unterwegs zu sein. Aber das sieht Reiner anders, denn er sei ja schließlich noch gesellschaftsfähig.
Menschen und Landschaften
Unsere kleine Crew dürfte ihm ganz recht sein für die Woche. Es entsteht eine nette „Segel-Zweckgemeinschaft“, bei der wir uns zwanglos unterhalten, es aber eher oberflächlich bleibt. Jeder packt super mit an, beim kochen, abwaschen oder was noch zu erledigen ist. Wir kochen nur selbst, was wir alle tatsächlich mal richtig genießen. Denn genau wie Joshua und ich war das Pärchen auf ihrer bisherigen Reise so oft essen, dass sie sich mal über andere Mahlzeiten als die üblichen Stir Fried Rice, Pad Thai, Hamburger, Club Sandwich oder Pizza freuen. Bei unseren Gesprächen geht es um bisherige Reiseerlebnisse, Zukunftsplanung, Job oder Segelstorys. Reiner hat schon mehrmals den Atlantik überquert und entsprechend Seglergarn im Gepäck. Völlig ok, aber auf Dauer würde mich das langweilen. Hier bin ich froh, mich auch mal mit einem Buch zurückziehen zu können, und auf den Törns tagsüber gibt es tatsächlich immer sensationelle Meereslandschhaften zu sehen. Die für Thailand so typischen Felsformationen bringen uns immer wieder zum staunen. Wir sehen weites, blaues Meer, einsame Buchten – es sind erstaunlich wenige Segelboote unterwegs – weiße Sandstrände und faszinierende Inseln, manchmal noch mit Höhlen oder Felsbögen, hinter denen sich manchmal eine richtige Dschungel-Landschaft erstreckt. Wir bewundern den „James-Bond-Felsen“, an dem der Film „Der Mann mit dem goldenen Colt“ gedreht wurde.
Partytourismus? Oder lieber einsame Buchten?
Wir sehen die berühmte Insel Koh Phiphi mit der Zwillingsbucht (hier wurde „The Beach“ mit Leonardo Di Caprio gedreht), von der wir allerdings ziemlich enttäuscht sind. Diese Insel ist offenbar das neue Mallorca von Thailand geworden, und abends hören wir auf dem Boot bis weit in die Nacht laute Partymusik. Am nächsten Tag fährt Reiner uns mit dem Dhingi – Beiboot – auf die Insel und wir sehen die Überreste der Party. Überall Müll und Bierdosen vor den Kneipen am Strand, die „Alcohol in a Bucket“ anbieten. Dazu die Weed-Shops, abgehalfterte, vermutlich bekiffte Partytouristen jeden Alters. Es ist einfach zu voll, zu touristisch und zu dreckig, um sich dort wohlzufühlen. Wir laufen bei sengender Hitze zum Aussichtspuntk hoch, nur um von dort aus eine Hotelruine bewundern zu können. Da hat wohl mal ein Investor angefangen, eine Bettenburg zu bauen, vielleicht ist ihm dann Corona dazwischen gekommen oder eine Pleite. Schön ist das alles nicht, und wir sind froh, als wir auf dem Segelboot zurück sind und den Anker wieder lichten.
Am nächsten Abend werden wir um ein Vielfaches entschädigt. Wir ankern in einer einsamen Bucht, wo sonst niemand ist. Da wir selbst kochen, brauchen wir keinen Ort, an dem es ein Restaurant oder Infrastruktur gibt. Hier ist einfach nur ein schöner Strand am Ufer, der Blick über das weite Meer und der rote Abendhimmel. Joshua und ich beschließen, heute Nacht draußen auf dem Oberdeck zu schlafen. Das Übernachten in der Kajüte gleicht eher meist einem Saunabesuch, da es dort weder eine Klimaanlage noch einen Ventilator gibt. So packen wir Matten und Schlafsäcke nach oben, schauen in den Sternenhimmel und genießen die absolute Ruhe. Der Knaller obendrauf: Es ist eine Nacht mit besonders vielen Sternschnuppen. Joshua sieht direkt 6 Sternschnuppen, ich in der späteren Nacht noch zwei. Ein angenehmer Wind kühlt uns, und wir schlafen so gut durch wie schon lange nicht mehr. Am nächsten Morgen gratuliert Reiner uns mit den Worten, dass es bisher nur wenige da oben durchgehalten haben, weil es ihnen dann doch irgendwann zu kalt wurde.
Unsere ersten Wünsche scheinen sich zu erfüllen: wir haben nämlich heute tatsächlich mal etwas mehr Wind! Nach einer Stunde unter Motor können wir die Segel hissen und so richtig loslegen. Wir wechseln uns ab mit Steuern, üben das Wende fahren, vom Wind abfallen, anluven, die Leinen bedienen. So langsam kommt mein altes Wissen wieder und vor allem auch der Spaß an der Sache. Es ist einfach total entspannend, mit dem Wind zu segeln, ohne Motorgeräusche durch die Wellen zu schießen, dazu der kleine Adrenalinschub, wenn das Boot sich so schief legt, dass man doch einen kleinen Moment denkt, es könnte umkippen. Wir sehen vom Boot aus weutere atemberaubende Felslanschaften, weiße Strände, Krabbenfischer in den für Thailand berühmten Longtail-Booten, den blauen Himmel und das weite Meer. Abends ankern wir in verschiedenen Buchten, essen, sitzen zusammen und schauen in den Sternenhimmel. Besser kann man die Insel-Landschaft von Thailand wohl kaum genießen. Nach einer Woche steigen wir zufrieden vom Boot, es schaukelt noch ein wenig unter den Füßen und wir freuen uns auch mal wieder auf ein klimatisiertes Hotelzimmer. Zum Glück wissen wir nicht, was uns als nächstes erwartet, sonst wäre die Vorfreude vielleicht ein wenig getrübt gewesen…
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