Was ist Tantra?
„Gruppensex mit Räucherstäbchen“ – diese und andere Vorurteile über Tantra sind immer noch weit verbreitet. Es scheint mal wieder paradox: Wir werden überall mit Pornos und Nacktbildern überschüttet, zahlreiche Stars und Influencerinnen machen sich einen Sport daraus, halbnackt zu posieren und sich dann darüber aufzuregen, dass die „primitiven Männer“ das sexy finden und womöglich noch ausdrücken (mal von Hate-Kommentaren abgesehen). Wir können im Internet frei zugänglich alle nur denkbaren Spielarten von Sex konsumieren und kaufen.
Let’s not talk about Sex
Doch wenn es im privaten Umfeld um das Thema geht, wird schnell herumgedruckst, verlegen gekichert und großes Stillschweigen darüber bewahrt, was im eigenen Schlafzimmer wirklich passiert. Solche Themen sind auf der Grillparty oder beim Kaffeeklatsch einfach tabu. Und mal ehrlich: mit wie vielen Freund:innen kannst du wirklich offen über Sex reden?
Gleiches gilt für Tantra: viele werden bei dem Thema zwar hellhörig und neugierig, geben es aber ungern zu. Wenn Leute mitbekommen, dass ich etwas mit Tantra zu tun habe, sprechen sich mich allenfalls unter vier Augen an und fragen mich aus. Es scheint mit Tantra ähnlich zu sein wie mit Helene Fischer hören oder zu Mc Donalds gehen: Mehr Menschen als man denkt machen es, aber kaum jemand sagt es offen. Vielleicht aus Angst, dann für ein Sex-Monster gehalten zu werden, das jedes Wochenende den halben Swingerclub durchvögelt?
Raus aus der Komfortzone
Ich fand dies schon damals schräg, als ich meine ersten Erfahrungen mit Tantra gemacht habe. Doch wenn mich etwas interessiert, dann werde ich neugierig und muss einfach ausprobieren, was es damit auf sich hat. Also fuhr ich auf ein Tantra-Seminar, aufgeregt bis in die Haarspitzen: Was kommen da für Leute hin? Nur Freaks, Fetischisten oder Sexbesessene? Fast wäre ich beim Umsteigen in Bielefeld wieder in den nächsten Zug zurück nach Berlin gestiegen.
Aber ich hatte ja schon bezahlt. Zum Glück. Denn damit öffnete sich mir ein Eintrittstor in eine neue, aufregende und faszinierende Welt. Zuerst stellte ich fest: Tantra hat mit Sex fast genauso wenig zu tun wie der Papst mit Familienplanung. Man trifft dort weder Freaks noch potenzielle Triebtäter, sondern vor allem bewusste und achtsame Menschen.
Viele Methoden, ein Ziel
Der Begriff „Tantra“ steht ursprünglich für Gewebe, und das trifft es ganz gut. Tantra ist eine geniale, aber komplexe Kombination aus allen möglichen Methoden, die am Ende nur einem Ziel dienen: der Bewusstseinserweiterung. In verschiedenen traditionellen Philosophien wie dem Buddhismus und der vedischen Tradition ist damit Erleuchtung gemeint – also das Entkommen aus dem Karma-Kreislauf und das „Erwachen des Geistes.“
Im modernen westlichen Tantra ist die Erleuchtung nicht das primäre Ziel, sondern es gibt noch einen weiteren Aspekt, der mindestens genauso wichtig ist: Heilung. Es geht darum, Beziehungen zu heilen, das eigene Verhältnis zum Körper und zur Sexualität zu heilen, Scham und Schuld zu überwinden, die Schmerzen der Vergangenheit loszulassen und Ängste über die Zukunft als bedeutungslos zu erkennen.
Beim Tantra gilt es, die Dualität des Lebens anzunehmen, um sich dann darüber hinaus zu erheben. Wir erkennen an, dass es Polaritäten gibt: Licht und Dunkelheit, männlich und weiblich, Sonne und Mond, gut und böse.
Verehrung statt Bewertung
Wenn wir diese Polaritäten erkennen und annehmen, erkennen wir mehr und mehr, dass alles eins ist. Das bedeutet zum Beispiel auch, dass nicht „die Männer“ auf der einen Seite und „die Frauen“ auf der anderen Seite stehen. Dass jeder Mensch alle Qualitäten in sich hat und alles harmonisch zusammenpasst, wie im Yin-Yang-Zeichen.
Beim Tantra geht es nicht darum, das andere Geschlecht zu bewerten oder gar zu bekämpfen, sondern die besonderen Qualitäten und das Göttliche im anderen zu verehren. „Shiva“ und „Shakti“ stehen für das männliche und weibliche Prinzip, das in jedem von uns gesehen und anerkannt werden darf. Erst wenn wir all diese Polaritäten des Lebens integrieren, kann Heilung geschehen. Was durchaus auch bedeuten kann, dass wir einen Schritt aus der Komfortzone wagen, Tabus brechen oder bestimmte Konventionen aufgeben müssen.
Körperarbeit als Schlüssel zur Erkenntnis
Doch wie läuft das nun konkret in der Praxis ab? Ein wichtiges Merkmal beim Tantra ist es, dass wir unseren Körper als „Instrument“ der Bewusstseinsentwicklung nutzen, und zwar auf allen Ebenen. Um Probleme zu lösen, Beziehungen zu heilen und Ängste zu überwinden gibt es zwar unzählige Therapiemethoden, Übungen und Techniken. Doch viele Ansätze haben einen rein kognitiven Bezug. Das meiste läuft über den Verstand, das rationale Denken. Im Tantra wird der körperliche Aspekt einbezogen und somit ganzheitlich gearbeitet.
Ich war schon damals fasziniert, wie schnell sich durch bestimmte Körpererfahrungen meine Denkweise komplett verändert hat. Ich hatte Erkenntnisse über mich selbst, meine Ängste, meine eingefahrenen Muster, die ich vermutlich in jahrelanger Psychotherapie nicht gehabt hätte. Über die Körperarbeit habe ich gelernt, meinen Verstand immer mehr außen vor zu lassen und meiner Intuition zu vertrauen. Auch hat sich mein eigenes Verhältnis zum Körper verbessert, und ich konnte in meine Selbstliebe zurückfinden.
Doch das ist nur eine von vielen positiven Nebenwirkungen im Tantra. Die Körperarbeit ist kein Selbstzweck, sondern sie dient der Erkenntnis und der Heilung. Tantra umfasst unter anderem folgende praktische Methoden:
Yoga
Beim Yoga (oder auch „Hatha Tantra“) geht es darum, die sieben Haupt-Chakras entlang der Wirbelsäule zu harmonisieren. Dies geschieht durch verschiedene Körperhaltungen (Asanas) und durch Atemtechniken (Pranayama), so dass der Energiefluss im Körper wieder in Gang gebracht wird. „Prana“ steht in der indischen Philosophie für „Atem“, der wiederum im Yoga als „Lebensenergie“ angesehen wird.
Indem wir Atemtechniken anwenden, bringen wir diese Energie in Balance, wir fahren den lärmenden Verstand runter und öffnen uns für die „Signale der Seele“, statt unser Leben von Gedanken und Ängsten diktieren zu lassen.
Energiearbeit
Ein weiteres Element ist die Energiearbeit, bei der es unter anderem darum geht, die Kundalini-Energie zu wecken. Diese wird als eine schlafende Kraft am unteren Ende der Wirbelsäule betrachtet. Durch dynamische Körperarbeit, Meditation, Atemarbeit und Mantra-Rezitation wird es angestrebt, die Kundalini entlang der Wirbelsäule zu erwecken und durch die Chakren zu lenken, um Bewusstseinserweiterung zu erreichen.
Bei der Energiearbeit spielt auch das Sexualchakra eine wichtige Rolle. Dieser Energiepunkt wird als natürliche Quelle der Lebenskraft und der Kreativität angesehen. Durch tantrische Praktiken können Menschen lernen, ihre sexuelle Energie bewusst zu lenken und zu nutzen, um spirituelles Wachstum und kreative Entfaltung zu fördern. Also so ziemlich das Gegenteil von Pornos und schneller Befriedigung. Wenn dieses Chakra (auch „Sakralchakra“ genannt) in Harmonie ist, dann sind wir imstande, tiefere Verbindungen zu anderen Menschen aufzubauen, Empathie zu spüren und uns für Liebe und Mitgefühl zu öffnen.
Mantren
Auch das Tönen von Mantras wird praktiziert, um die spirituelle Energie zu wecken und den Geist zu lenken. Wenn wir ein Mantra singen, dann können wir nicht gleichzeitig über unsere Ängste und Sorgen nachdenken und beruhigen immer mehr den Geist. Es heißt, dass die Mantras eine bestimmte Schwingung haben, die für uns heilend wirken – selbst wenn wir den Text nicht verstehen.
Rituale
Mantren sind auch Bestandteil verschiedener Rituale, die im Tantra durchgeführt werden. Tantrische Rituale dienen dazu, spirituelle Praktiken in einen Rahmen zu bringen, den Geist zu fokussieren und eine Verbindung zum Göttlichen herzustellen. Durch die gemeinsame Ausführung bestimmter Handlungen und Zeremonien wird ein Verbundenheitsgefühl aller Beteiligten erzeugt, bei dem die Qualitäten und Energien beim jeweiligen Gegenüber und bei allen anderen Beteiligten gewürdigt und verehrt werden.
Berührung
Es gibt auch einen Aspekt des Tantra, der mit dem ursprünglichen Tantra gar nicht so viel zu tun hat, von vielen aber für das „eigentliche“ Tantra gehalten wird: Berührung. Und nein, auch hier geht es nicht um Sex. Außer vielleicht bei einigen wenigen Fortgeschrittenen-Seminaren, die sich die „Vereinigung“ als Ritual auf die Fahnen schreiben.
Bei den meisten Tantra-Anbietern wird etwas gelehrt, was in unserer Gesellschaft leider viel zu kurz kommt: achtsame Berührung. Das beginnt damit, andere Menschen – egal ob gleichen oder anderen Geschlechts – zu verehren und das Göttliche in ihnen zu sehen. Unabhängig davon, ob jemand äußerlich mein Typ ist oder nicht. Es gilt, Menschen sanft und achtsam zu berühren und sich berühren zu lassen. Dabei die eigenen Grenzen klar zu äußern und die des anderen zu akzeptieren. Dies fällt vielen Menschen anfangs schwer. Doch das kann man üben. Und es ist die beste Voraussetzung, um in der eigenen Beziehung eine heilsame und erfüllende Sexualität zu leben. Hier kommt nun also doch die Sexualität ins Spiel – als schöne „Nebenwirkung“ der tantrischen Praxis.
Berührung ist ein Lebenselixier, wie wir spätestens bei der Corona-Pandemie gelernt haben. Ohne Berührung verkümmern wir, wir werden hart, verspannt und sind in jeder Hinsicht blockiert. Dabei ist es mittlerweile auch wissenschaftlich erwiesen, wie sehr Berührung sich positiv auf das Wohlbefinden und die Gesundheit des Menschen auswirkt. Berührung sorgt dafür, dass die Glückshormone Endorphine und Oxytocin freigesetzt werden.
Darüber hinaus kann Berührung Stress reduzieren, das Immunsystem stärken, die Herzfrequenz senken und den Blutdruck regulieren. Auf psychologischer Ebene vermittelt Berührung ein Gefühl der Verbundenheit, Nähe und Zugehörigkeit. Es lindert das Gefühl von Einsamkeit und stärkt das Vertrauen und die Beziehungen zwischen Menschen. Berührung ist eine kraftvolle Kommunikation und Ausdruck von Liebe, Fürsorge und Mitgefühl. All das sind Qualitäten, die wir für unsere körperliche und seelische Gesundheit brauchen wie das Wasser zum Leben.
Massage und Heilung
Eine Königsdisziplin der Berührung ist die Tantra-Massage. Auch diese Technik hat weder mit dem ursprünglichen Tantra noch mit Sex zu tun. Sinn und Zweck der Tantra-Massage ist es, Berührung so einzusetzen, dass der Energiefluss sich ausdehnt. Hierbei kann und darf es geschehen, dass ausgehend vom Sakralchakra auch die sexuelle Energie aktiviert wird. Damit diese dann als Quelle der Kreativität und Kraft gestärkt und im Alltag eingesetzt werden kann.
Wie bei den anderen Techniken gilt das Prinzip der Achtsamkeit: nichts erzwingen, nichts vermeiden, annehmen was ist. Für die meisten ist diese Art von Ganzkörper-Massage vor allem eins: ein angenehmes, anregendes und erfüllendes Körpererlebnis, das uns hilft, den Kopf abzuschalten, die Selbstliebe zu stärken und alte Ängste sowie frühere Verletzungen zu heilen.
Ein Schritt, der sich lohnt
Als ich damals von meinem allerersten Tantra-Seminar wieder nach Hause fuhr, wusste ich: es hat mich gepackt. Es gibt kein Zurück mehr, auch nicht am Bahnhof von Bielefeld. Ich bin glücklich und dankbar, dass ich diese „Methode“ kennengelernt habe.
Ich bin davon überzeugt: Ohne Tantra wäre mein bisheriges Leben nur halb so aufregend, erfüllt und gesund verlaufen, körperlich wie mental. Seit vielen Jahren ist Tantra nicht nur Teil meines privaten Lebens, sondern ich gebe auch selbst Tantra-Seminare. Ich bin jedes Mal dankbar zu erleben was passiert, wenn Menschen sich darauf einlassen. Es braucht nicht viel. Vielleicht einen kleinen Schritt aus der Komfortzone. Doch der lohnt sich!
Hier geht es zu den Tantra-Retreats mit mir:



