Mental Health im Business: Fürsorge oder Farce?
Neulich wurde ich angefragt, in einem IT-Unternehmen einen „Mental Health Parcours“ zu begleiten. Es gab dort verschiedene kleine Spiele, Infos, Tipps und Inspirationen zu Themen wie „Dankbarkeit“, „Achtsamkeit“, „Emotionen“ und „Stress-Management“.
Die Mitarbeiter:innen des Unternehmens waren sehr interessiert, es gab interessante Gespräche, die sehr schnell über Small Talk hinausgingen. Fast jeder kannte im privaten Umfeld einen Menschen, der oder die an einer psychischen Störung erkrankt ist.
Die meisten Kolleg:innen freuten sich über dieses Angebot und schätzten es, dass ihr Arbeitgeber sich für mehr Bewusstsein zum Thema „Psychische Gesundheit“ einsetzt.
Hinter der Fassade sieht’s anders aus
Doch nicht alle sahen es so: Gegen Ende des Aktionstages kam eine Mitarbeiterin zu mir, die sichtlich unzufrieden war. „Was nützt mir das ganze Gedöns hier, wenn sich auf dem Schreibtisch die Arbeit türmt? Wenn ständig Stellen gestrichen werden und immer weniger Leute immer mehr Projekte stemmen müssen? Das ist doch fadenscheinig!“ fuhr sie fort. „…und einfach nur Symptom-Behandlung, statt sich um die wahren Ursachen der psychischen Belastung zu kümmern!“
Ich kann ihren Frust verstehen und höre das nicht zum ersten Mal. Ich argumentiere dann gerne so, dass es doch trotzdem gut ist, wenn eine Firma überhaupt etwas für die Mitarbeiter:innen tut, selbst wenn die Beweggründe eher profitorientiert statt menschenorientiert sind.
Die Vorteile von Mental Health in Unternehmen
Immerhin haben ja viele Chef:innen mittlerweile erkannt, dass das, was für die Mitarbeiter:innen gut ist, auch dem Wohle der Firma dient. Viele Unternehmen haben mittlerweile sogar die psychische Gesundheit der Angestellten als Erfolgsfaktor erkannt. Die Argumente sprechen für sich:
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Produktivität und Effizienz
Psychisch gesunde Mitarbeiter sind motivierter, fokussierter und belastbarer. Studien zeigen, dass Unternehmen, die auf das Wohlbefinden ihrer Mitarbeiter achten, oft produktiver sind und eine geringere Fehlerquote aufweisen.
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Kostensenkung
Psychische Erkrankungen wie Burnout oder Depression sind häufige Gründe für Fehlzeiten und langfristige Arbeitsausfälle. Prävention und frühzeitige Unterstützung können nicht nur die mentale und körperliche Gesundheit der Mitarbeiter verbessern, sondern durch weniger Fehlzeiten auch erhebliche Kosten sparen.
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Unternehmenskultur und Mitarbeiterbindung
Ein Unternehmen, das sich um die psychische Gesundheit seiner Angestellten kümmert, schafft eine positive Arbeitsatmosphäre. Dies stärkt die Bindung der Mitarbeiter:innen an das Unternehmen und verbessert das Image des Arbeitgebers.
Alles beginnt mit den Führungskräften
Das sind gute Gründe. Doch solche Maßnahmen verpuffen, wenn die Chef:innen selbst eine solche Unternehmenskultur nicht vorleben.
Ein Haupt-Kündigungsgrund von Angestellten ist immer noch die Tatsache, dass sie mit den Vorgesetzten nicht klarkommen. Auch die emotionale Bindung an den Arbeitgeber sinkt von Jahr zu Jahr. Im Jahre 2023 betrug diese laut Gallup Engagement Index nur noch 19%.
Herausforderungen für Unternehmen
Hinzu kommen verschiedene Herausforderungen, die mit dem Thema „Mental Health“ in Unternehmen verbunden sind:
Tabu-Thema
Trotz steigender Offenheit sind psychische Krankheiten bei vielen noch ein Tabu-Thema. Wer mag schon Vorgesetzten gestehen, dass er psychische Hilfe braucht – und womit möglicherweise nur noch eingeschränkt leistungsfähig ist?
Wenn nicht gerade ein solides Burn-Out vorliegt, in das man ja durch exzessive Leistung und Engagement gerutscht ist (und es somit gesellschaftsfähig ist), dann sollte man mit Depressionen oder Ängsten nicht gerade auf der Betriebs-Weihnachtsfeier hausieren gehen.
Ressourcenmangel
Viele Unternehmen haben nicht die Ressourcen oder Fachkräfte, um sich diesen Themen zu widmen. Gerade in Zeiten von schwieriger Wirtschaftslage haben sie andere Sorgen, müssen kurzfristig auf die aktuellen Entwicklungen reagieren oder können den langfristigen Nutzen nicht erkennen.
Stress ist schick
Hinzu kommt, dass sich zwar das Bewusstsein in den letzten Jahren verändert hat, es aber trotzdem immer noch „schick“ ist, viel Stress zu haben und viel zu leisten. An vielen Stellen herrscht immer noch eine Mentalität, die es erwartet, sich zu verausgaben, statt „Selfcare“ zu betreiben.
Überstunden zu leisten und Arbeit mit nach Hause zu nehmen sind immer noch angesehener als um Punkt 17:00 Feierabend zu machen. Hinzu kommt die ständige Erreichbarkeit durch Home Office und digitale Vernetzung, der viele kaum noch entgehen können.
Trotz dieser Herausforderungen sollten Unternehmen sich mit diesem Thema beschäftigen. Kaum eine Firma kann es sich derzeit leisten, dass die Menschen innerlich kündigen oder womöglich langfristig wegen psychischer Krankheiten ausfallen.
Fünf Anregungen für Mental Health im Business
Was können Unternehmen also tun, damit das Thema „Mental Health“ nicht als Farce angesehen wird oder als „aufobtruiert“ empfunden wird? Wie können Führungskräfte ein neues Bewusstsein erschaffen, in dem die Kolleg:innen offen reden können, sich verstanden fühlen und sich vielleicht sogar gegenseitig unterstützen?
Folgende Voraussetzungen sind meines Erachtens nach wichtig, um das Thema „Mental Health“ in Unternehmen voranzubringen:
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Kommunikation ist alles
Egal, ob HR Manager:in, Führungskraft oder externe Trainer:in: Alle Beteiligten sollten dafür sorgen, dass das Thema Mental Health sein „Tabu“ verliert. Wo auch immer du in einem Unternehmen Berührungspunkte hast: Erschaffe auf deine Art und Weise ein Arbeitsumfeld, in dem offen über psychische Gesundheit – und somit auch über psychische Probleme – gesprochen werden kann.
Ermutige die Führungskräfte, das Thema anzusprechen und Unterstützung zu signalisieren. Durch eine gute und offene Kommunikation kann neues Bewusstsein für dieses Thema entstehen.
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Nicht erst handeln, wenn es zu spät ist: Prävention
Nicht ohne Grund bieten immer mehr Unternehmen verschiedenste Kurse an, zum Beispiel im betrieblichen Gesundheitsmanagement oder als Weiterbildung. Dazu gehören Stress-Management-Trainings, Achtsamkeitskurse, Yoga, Autogenes Training, Resilienz-Training etc.
Lachyoga ist hier eine optimale Methode, die gleich verschiedene Aspekte miteinander verbindet: die Teilnehmer:innen kommen in Bewegung und tun gleichzeitig etwas für ihr mentales Wohlbefinden. Durch die Übungen entsteht ein Verbundenheitsgefühl, was auch den Teamspirit und die Motivation steigert.
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Zugang zu professioneller Hilfe erleichtern
Die Menschen sollten nicht nur über das Thema sprechen können, sondern auch Möglichkeiten der Unterstützung erhalten, ohne sich gleich direkt zu „outen“. Immer mehr Unternehmen bieten deshalb anonymen Zugang zu Beratungsdiensten, Coaches oder Psychologen an.
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Gute Work-Life-Balance
Wenn ich in Unternehmen unterwegs bin, stelle ich immer wieder fest: der beste Stress-Management-Workshop nützt nichts, wenn die Angestellten gleichzeitig mit Arbeit überladen sind, die sich auf dem Schreibtisch häuft – siehe oben.
Jeder sollte die Möglichkeit haben, genügend Pausen einzulegen, und auch im Home Office sollte keiner 24/7 erreichbar und verfügbar sein müssen (siehe auch den Blogartikel zu Work-Life-Balance).
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Alles beginnt mit den Führungskräften
Wenn sich etwas verändern soll, dann beginnt dies mit einem Umdenken bei den Chef:innen. Diese müssen erkennen, dass entspannte und motivierte Mitarbeiter:innen produktiver sind als übergestresste Menschen oder solche, die innerlich schon gekündigt haben. Führungskräfte sollten geschult werden, Anzeichen von Überlastung zu erkennen und angemessen zu reagieren. Sie sollten lernen, wie sie offen und authentisch kommunizieren können, aber auch, welche Methoden und Möglichkeiten es gibt, um ihr Team zu unterstützen.
Fazit: Mental Health ist ein wichtiges Win-Win
Ich bin davon überzeugt, dass „Mental Health“ ein Thema ist, in dem es noch viel Aufklärungs- und Handlungsbedarf gibt. Egal, ob du Führungskraft, Business Trainer:in, Coach, HR-Manager:in oder Angestellte:r bist: Wir alle sollten dafür sorgen, dass wir nicht nur funktionieren, sondern dass wir für unsere Bedürfnisse einstehen und für uns selbst sorgen können. Dadurch können wir Vorbilder für andere sein und sie dazu ermutigen, ebenfalls für sich einzustehen.
Wenn wir privat und beruflich authentisch bleiben, statt anderen etwas vorzugaukeln, dann sind wir auf dem Weg zu einem neuen Miteinander. Das hat auch zur Folge, dass Menschen mit psychischen Erkrankungen sich besser verstanden und gesehen fühlen. Was wiederum dazu führen könnte, dass psychische Erkrankungen früher erkannt und behandelt werden, bevor jemand monatelang krank ist.
Zum Abschluss der Aktion erzähle ich dem Geschäftsführer der Niederlassung von der Skepsis der Mitarbeiter:in. „Ja, irgendjemand hat immer etwas an dem auszusetzen, was wir tun. Aber wir machen trotzdem weiter.“ Mit einer solchen Einstellung ist schonmal viel gewonnen, denke ich mir. Nicht nur für seine Niederlassung, sondern auch für die Menschen, die hier arbeiten.

