Tiny Habits – die Macht der Mini-Schritte
Als ich zum ersten Mal in Indien war, habe ich Vipassana Meditation gelernt. Ich war 10 Tage lang in einem Schweige-Retreat, habe dort mehrmals am Tag anderthalb Stunden meditiert und meinen Geist so richtig runtergefahren. Kein Handy, keine Party, keine Gespräche, keine Ablenkung. Es war wie eine Art Reset für Körper und Seele.
Zurück in Deutschland bin ich hoch motiviert in den Alltag zurückgegangen. Das gute Gefühl aus Indien wollte ich mir bewahren. Jeden Tag habe ich mich hingesetzt und 1 ½ Stunden meditiert.
Doch ziemlich schnell habe ich es an einzelnen Tagen nicht geschafft. Berufliche Termine, Reisen, verschlafen – ich fand einfach die Zeit nicht mehr, so lange zu meditieren. Also hab ich es wieder ganz gelassen. So oder ähnlich geht es nicht nur mir mit solchen Vorsätzen, sondern vielen anderen auch.
Das „Fogg Behavior Modell“
Der Sozialwissenschaftler Dr. BJ Fogg von der Stanford University forscht dazu seit Jahren. Er hat herausgefunden, dass große, unrealistische Ziele eher kontraproduktiv wirken, auch weil sie eben auf Dauer so schwer umsetzbar erscheinen. Deshalb können auch meist Neujahrsvorsätze nicht langfristig gehalten werden. Aus diesen Erkenntnissen heraus hat er das „Fogg Behavior Modell“ entwickelt – oder auch „Tiny Habits Methode“ genannt.
Dieses Modell basiert auf seiner Erkenntnis, dass es viel einfacher ist, mit kleinen Schritten anzufangen als gleich den großen Wurf machen zu wollen. Wenn wir nur an das große Ziel denken, geben wir schneller auf.
Diese Erfahrung durfte ich selbst vor kurzem auf unserer Alpenüberquerung machen: hätte ich unterwegs daran gedacht, wie viele Kilometer oder auch Höhenmeter wir noch zu bewältigen haben, wäre ich wahrscheinlich sofort umgedreht. Stattdessen habe ich einen kleinen Schritt nach dem anderen gemacht, immer nur an den jeweiligen Schritt gedacht und bin so Schritt für Schritt zum Ziel gekommen.
Wie wir Alltagsroutinen als Erinnerung nutzen
Auch im normalen Alltag hilft es uns, wenn wir eine kleine tägliche Handlung in die Tagesroutine einbauen, statt uns gleich das Große orzunehmen. Jeden Tag nach der Arbeit eine Viertelstunde um den Block laufen, statt 10 Kilometer zu joggen.
Hilfreich ist es dabei auch, bestimmte „Auslöser“ einzubauen, die uns daran erinnern. Zum Beispiel:
- Direkt nach dem Aufwachen überlege ich mir eine Intention für den neuen Tag
- Nach jedem Telefonat lächle ich bewusst eine Minute lang
- Nach jedem Wechsel einer Tätigkeit stehe ich auf und mache eine Dehnübung
- Nach jedem Toilettengang mache ich eine Atemübung
- Nach jedem Verkaufsgespräch (wahlweise auch davor) mache ich eine Power Pose
- An jeder roten Ampel beim Auto fahren lache ich
- Nachdem ich ins Bett gegangen bin, benenne ich 3 Dinge, für die ich dankbar bin.
Was braucht es, um dran zu bleiben?
Fogg hat in seiner Forschung drei Dinge identifiziert, die unser Verhalten bestimmen: Motivation, Fähigkeit und Auslöser.
Er fand heraus, dass Motivation allein nicht ausreicht und sich nicht langfristig hochhalten lässt. Sie schwankt, und darauf können wir uns nicht verlassen.
Wichtig ist vielmehr die Fähigkeit, mit der wir uns zutrauen, etwas zu schaffen. Wenn wir nie trainiert haben, aber uns von vornherein vornehmen, jeden Tag 10 Kilometer zu laufen, dann ist dies von Anfang an eine ziemlich frustrierende Erfahrung. Wir sollten uns also etwas auswählen, was niedrigschwellig und machbar ist. Den Gang um den Block statt den 10-KM-Lauf.
Die Auslöser – oder auch „Trigger“ wirken wie kleine Erinnerungen, damit wir etwas wirklich tun. Das heißt, wir nehmen eine Routine, die wir ehedem jeden Tag ausführen (Zähne putzen, die Wohnungstür aufschließen, Schuhe ausziehen, zur Toilette gehen, die Spülmaschine ausräumen etc), um uns zu erinnern.
Erst anfangen, dann steigern
Der Trick dabei ist, ein vorhandenes Verhalten zu nutzen, um dann ein neues Verhalten – eine Tiny Habit – zu etablieren. Das, was ich eh erledigen muss, ist die Erinnerung an das neue Verhalten. Und wenn wir dieses Verhalten erstmal in den Tag eingebaut haben, dann kann es sogar passieren, dass wir es mit der Zeit steigern. Aus dem Gang um den Block wird eine 3-Kilometer-Jogging-Runde. Aus einer Liegestütz nach dem Toilettengang werden zehn. Aus einer Morgenseite täglich wird irgendwann ein Buch.
Doch das wichtigste dabei: es ist durchhaltbar. Denn statt Frust oder Schuldgefühlen haben wir Erfolgserlebnisse. Jedesma, wenn wir die Tiny Habit umgesetzt haben, entstehen positive Emotionen. Wir sind stolz und bleiben motiviert. Wir haben den Anfang gemacht – und bleiben dabei. Im yoga habe ich gelernt, dass es 40 Tage braucht, bis etwas zur Gewohnheit wird (siehe auch das Video „die 40 Tage Formel“).
Fünf Anregungen: So startest du mit Tiny Habits
- Wähle etwas Winziges
Starte mit einer Gewohnheit, die weniger als 30 Sekunden dauert (z. B. eine Dehnübung, eine Atemübung, 1 Minute Lachen, eine Affirmation sprechen). - Verknüpfe es mit etwas Bestehendem
Nutze den Satz: „Nach [bestehende Routine] mache ich [neue Mini-Handlung].“
Beispiel: „Nachdem ich Mittag gegessen habe, mache ich 3 Dehnübungen.“ - Feiere jeden Erfolg
Sag dir bewusst „Yes!“ mit einer Powergeste, lächle oder klopfe dir auf selbst auf die Schulter. Positive Emotionen ermutigen dich und bringen dir Leichtigkeit - Sei geduldig und neugierig
Es geht nicht um Leistung, sondern ums Dranbleiben. Wenn du Lust hast, darf deine Mini-Handlung größer werden – aber sie muss es nicht. - Bau Schritt für Schritt aus
Wenn eine Tiny Habit sitzt, kannst du eine weitere hinzufügen. So wächst dein neues Alltagssystem Stück für Stück.
Große Veränderungen beginnen oft unsichtbar klein. Tiny Habits sind wie kleine Samen, die du in deinen Alltag pflanzt – und die mit der Zeit zu stabilen, stärkenden Routinen heranwachsen. Du musst nicht dein ganzes Leben umkrempeln. Fang heute an – mit einem winzigen Schritt.
Ich habe übrigens irgendwann wieder angefangen zu meditieren. Nicht anderthalb Stunden, nicht eine Stunde, sondern 10 Minuten. Das passt in meinen alltag und fühlt sich gut an.
Tipp für die Umsetzung: die Happy Break
Du brauchst noch Ideen für Tiny Habits oder Begleitung bei der Umsetzung, gemeinsam mit anderen? Dann ist die Happy Break genau richtig für dich! Jeden Dienstag und Donnerstag um 12:30 bieten wir dehnen, atmen, lachen per Zoom an.
In diesen 15 Minuten sind alle Tiny Habits enthalten, die unsere Energie erhöhen und die Freude aktivieren: dehnen, atmen, entspannen, tanzen, Power Poses, uns selbst loben und motivieren, Affirmationen für Selbstliebe, Klarheit und Gelassenheit.


